Anspruch und Wirklichkeit

Roadtrip

Am Tag des Season Openers verriet Inhaber James Dolan in einem Meeting mit dem Coaching Staff, dass er die 2013-2014 Saison als titelreif ansieht. Darüber hinaus „erwarte“ Numero Uno Honcho, dass man um den Titel mitspiele und ihn sogar nach New York holt. Seine Erwartungshaltung fusst auf dem Glauben, in diesem Jahr ein noch besseres Team zusammengestellt zu haben als im letzten. Und da gewann man immerhin 54 Spiele, holte die Division-Krone und Platz 2 in der Eastern Conference.

So viel wurde über die neuen Knicks gesprochen. Andrea Bargnani, Ron Artest, Beno Udrih, Tim Hardaway Jr. Sie sollen die Schwächen des letztjährigen Kaders adressieren und genau das herbeiführen, was der umstrittene „Owner“ der Knickerbockers in diesem Jahr fordert. Im Angesicht dieses Anspruchs sah man zumindest zu Beginn jedoch sehr viel „altes“. Die Starting Five – unverändert. Die Ball -und Mannbewegung in der ersten Halbzeit – sie war in der letzten Saison stets ein Garant für den Erfolg, ein aggressiver, energetischer Ray Felton der einen tollen Start in die Saison feiert – es fühlte sich teilweise an wie 2010.

Viele Dinge aus dem gestrigen Spiel sahen wir in der letzten Saison. Die Knicks spielen enigmatisch, sie passen den Ball, sie sind aggressiv und sie sind in der Lage, diesen großen Vorsprung und tolle Vorstellung innerhalb eines Viertels wegzuwaschen.
Der knappe Sieg gegen die Milwaukee Bucks war wie eine Zeitreise in die letzte Saison, in der die Mannschaft innerhalb einer Partie nicht die Konstanz oder nötige Konzentration halten konnte. Wer nun jedoch glaubt, dass auch so 54 Siege herausspringen können – ja vielleicht noch mehr durch das addierte Talent, der wird von der eigenen Erinnerung betrogen.

The Good

Die Knicks taten definitiv viel gutes. Angeführt von Iman Shumpert, Pablo Prigioni und Tyson Chandler war die Defense der Mannschaft in der ersten Halbzeit aggressiv, was Ballgewinne produzierte. Man setzte den ballführenden Spieler unter Druck und konnte die Bucks in 23 Turnover zwingen – ein Gros allerdings in den ersten 24 Minuten.

In dieser Zeit funktionierte das Ball Movement sehr gut. Man zog das Spiel auseinander, passte schnell, attackierte die Zone von links nach rechts und nutzte freie Würfe für Punkte. Besonders das „nachsetzen“ bei Fehlwürfen (speziell Chandler) war schön anzusehen. Man hatte das Gefühl, die Knicks wollen diese Partie gewinnen, ja so früh wie möglich entscheiden.
Ray Felton war – wie im letzten Jahr (und in 2010) ein instrumentaler Faktor im Aufbau des 20-Punkte-Vorsprungs. Er zog zum Korb, war aggressiv und fand seine offenen Mitspieler bzw. schloss selbst ab. Erneut sahen wir die Vorteile der 2-Point-Guard-Lineup mit Pablo, der in der Defense etliche Ballverluste forcierte und in der Offense überlegt spielte. Die Wurfquote als Mannschaft lag in der ersten Halbzeit bei 60%, lediglich 8 Turnovern und 22 Punkte resultierend aus Ballverlusten Milwaukees.

Und: Fast Break Points (24) resultierend aus guter Defense.

The Bad

Man schlief ein. Oder war sich gegen die Bucks, die zuBeginn gleich mal ihren Aufbauspieler verloren, zu sicher. De facto schaltete die Mannschaft jedoch ab – einhergehend mit Feltons Verletzung. Plötzlich funktionierte das Ball Movement nicht mehr. Spieler standen herum, Melo brachte den Ball, erlebte etliche Missverständnisse mit Bargnani woraufhin die Bucks teilweise sogar die Führung zurück eroberten.

In dieser Aufholjagd wurden folgende Defizite klar:

1. Das Switching. Die Mannschaft grub sich mit dieser Strategie erneut ein eigenes Loch. Egal wann, die Spieler tauschten ihre Gegenspieler, was Miss-Matches auftat und den Bucks erlaubte, diese zu nutzen.

2. Die Help-Strategie: Ist unverändert. Unnötig helfen sich die Spieler in der Defense und lassen somit sehr oft einen Gegner frei stehen – der dann auch seinen Vorteil nutzt. Speziell dann, als Milwaukee nach Sanders‘ 5. Foul auf Small Ball stellte. Man half in den falschen Momenten und zwei Pässe um den Perimeter herum waren genug, um einen Bucks punkten zu lassen.

3. Die Point Guard Position wird ein erheblicher Problemherd. Ohne Felton spielte die Mannschaft kopflos und konnte der Vorteil gegenüber Milwaukee (sie hatten einen PG im Kader mit Wolters) nicht nutzen. Defensiv wie offensiv konnten weder Udrih noch Pablo das Spiel in der Offense antreiben. Und Felton hat das Talent, über die Saison hinweg schwächer zu werden. Wir haben dies bereits in 2010 und 2012 erlebt. Ein grandioser Start, gegen Januar geht es jedoch runter. Spätestens da werden die Knicks an beiden Enden des Feldes Probleme bekommen.

Die Knicks sind das bessere Team und gewannen am Ende auf dem Rücken von Tyson, der wieder aussah wie Tyson. Erschreckend sind jedoch einige andere Elemente im Spiel. Woodson scheint an seinem Gameplan keine Veränderungen (read: Verbesserungen) vorgenommen zu haben. Switching, die Hilfe, eine unveränderte Aufstellung, die die Knicks spätestens gegen Klassiker-Teams wie Indiana oder Chicago zum Verhängnis wird und die mangelnde Fähigkeit, einen Kollaps wie den gestrigen zu stoppen.

Ist „anders“ in dieser Saison „besser“ wenn wir über das Spielermaterial reden? Im letzten Jahr gewannen die Knicks ihre Spiele durch eine ligaweit niedrige Turnoverrate, die meisten versuchten sowie getroffenen 3er und eben diese kleine Starting Lineup. In den Momenten, in denen Felton nicht produzierte war es stets Jason Kidd, der durch seine Assists, Rebounds, 3er und Defense das Spiel rettete … bis er dann irgendwann zusammenbrach.
Diese Leistung  wird niemand im aktuellen Kader bringen können. Auch die Anzahl der 3er werden heruntergehen, was das Spiel der Knicks anders aussehen lässt.

Inmitten dieser Verwirrung zwischen „Neu & Gut“ und „Alt & Bewährt“ befinden sich die New York Knicks nun. Der Druck, Spieler wie Andrea Bargnani in das Korsett aus dem letzten Jahr zu zwingen (er hat keinen seiner drei 3er Versuche getroffen) und die Hoffnung des Coaches, sein Heil (und Job) in der bewährten Lineup des letzten Jahrs zu finden.
Versteht mich nicht falsch, es ist der Beginn der Saison, Teams benötigen Zeit sich zu finden.

Ich bin gespannt wie lang die Knicks brauchen, um die Team-Chemie zu etablieren. Denn diese fehlt. Die Mannschaft ist im Entwicklungsprozess längst nicht so weit wie ich es mir vorgestellt habe. Dinge klappen nicht – was Woodson dazu veranlasst hat, zurück zum alten zu gehen. In gewisser Weise sind die Knicks also nicht viel weiter, als im letzten Jahr – sie liegen zurück. Die neuen Charaktere nicht (basierend auf deren Stärken) etabliert und die alten Tugenden verwässert.
Sollte der Coaching Staff es also nicht schaffen, die ins Auge gefasste Strategie zu installieren, könnten sich die Knicks bald gefangen sein zwischen dem Anspruch, mit Neuem neues erreichen zu wollen und der Realität, dass das alte, erfolgreiche schon längst nicht mehr vorhanden ist.

 

 

Oktober 31st, 2013

7 Responses to “Anspruch und Wirklichkeit”

  1. Big Time sagt:

    Ich sehne mich selbst, nach einem echten Erfolgserlebnis… aber als Knick muss ich trotzdem sagen, dass ich nicht an den Titel glaube!

    Für mich gibt es da 2 wichtige Gründe. Woodson bzw. Coachingteam… meiner Meinung ist Woodson nicht in der Lage, ein echte Offense mit Plays einzuspielen, aber genau das braucht das Team! Das heisst nicht, dass Woodson gehen muss. Es fehlt da nur ein Offensecoach im Team, der sich dann auch um die gesamte Offense kümmern darf. Ich hätte es ja mal mit Ewing versucht 😉 Wenn man diesen Weg nicht gehen will, dann muss man einen anderen Headcoach suchen (Coach K.).

    Der zweite Punkt ist, dass die Jungs nicht perfekt zusammengestellt sind. Bis auf Chandler und Iman ist keiner wirklich fähig gute Defense zu spielen! Das könnte man vielleicht mit einem gesunden Stoudemire (aus der Zeit von Phoenix) ausgleichen, aber so mach ich mir da wenig Hoffnung. Ich stelle mir nur mal ein Playoffduell gegen Chicago vor. Rose vs. Felton? Rose macht in der Offense was er will mit Felton. Felton ist überhaupt nicht in der Lage, die Top 10 Point Guards der Liga zu verteidigen. Butler vs. Iman… da könnte man Vorteile haben, aber dann kommt Deng vs. Anthony. Deng wird mit seiner Defense Anthony zu vielen schwierigen Würfen zwingen. Boozer vs. Bargnani / Stoudemire. Ich mag Boozer nicht, aber beide wird er in der Defense vernichten. Dann kommt Noah vs. Chandler… Wenn Chandler 100% fit ist, kann er den Unterschied ausmachen. Aber Noah ist viel mehr in das ganze Spielsystem der Bulls einbezogen.

    Auch wenn es komisch klingt, da rechne ich mir noch eher Chancen gegen die Heat aus, als das ich daran Glaube, dass wir gegen die Bulls oder die Nets in einer Best of Seven-Serie weiter kommen !!!



  2. knickstime sagt:

    wir werde wieder ein sicheres 1. rundenaus erleben,leider. ich bleibe dabei,mit dolan werden die knicks nie was holen.man braucht einfach eine ausgewogenere offense und wir müssen von diesem switching system wegkommen. heute nacht wird es schwierig,aber ich glaube noch dran:D
    melo war gestern erst in der crunchtime im post. ich frage mich,warum woodson nicht mehr post-ups fpr melo laufen lässt.



  3. Derek Harper sagt:

    Trotz dem knappen L gegen CHI stimmt mich das Spiel sehr positiv: trotz grausigem Spiel in Q1+2 blieb man in Reichweite und hat im 4. Q offensiv wie defensiv hervorragend gespielt.
    Die einzige Schwäche war das ewige Melo-Go-to-Guy Gechucke in den letzten Spielsekunden. Warum geht man da nicht auch eher auf eine Penetration, die nicht zwangsweise von Melo ausgehen muss? Warum ändert man für die entscheidenden Würfe plötzlich den Gameplan, der bis dahin sehr gut funktionierte? Diese Verhaltensweisen werde ich in der NBA nie verstehen.



  4. Andreas sagt:

    Also… Derek hat mit seiner Einschätzung natürlich recht. Mit einem Punkt und einem no look game winner von Rose kannst du in Chicago verlieren. Gutes Spiel. Starker Basketball. Großes Kino. Ende.

    Aber eines muss ich dringend noch loswerden… nämlich Andrea Bargnani. Was um alles in der Welt war DAS denn? Ich kenne Schülermanschaften die weniger Fehler machen als er. Mein Sohn setzt bessere Plays als Bargnani . Was reitet DEN denn? Du lieber Himmel, letzte Chance NY… wenn dich die Raptors nicht mehr wollen geh in den Big Apple. Die nehmen offensichtlich jeden. Und nein, ich glaube nicht das er sich fängt oder das es ein Ausrutscher war. Ich glaube Bargnani ist schlicht kein guter Spieler. Ende. 🙂

    Schönes Wochenende für Euch alle.



  5. Derek Harper sagt:

    Am ANfang mit den Off.Fouls war es natürlich derb. Zwischenzeitlich hat Andrea aber auch mal nen Run für uns gesparkt. Aber ich gebe dir recht, dass Bargnani für uns kein toller Spieler mehr sein wird. Ist halt die Frage, ob wir von Novak mehr gehabt hätten. Ich glaube eher nicht.



  6. Jan sagt:

    Die Analyse von Robert wie immer razorsharp. Bekommt man es nicht hin mit den neuen Spielern auch neue Elemente ins Spiel zu bringen wird es eine lange Saison werden…

    Mit dem Spiel gegen Chicago kann ich insgesamt leben, auch wenns natürlich ärgerlich ist mit -1 zu verlieren. Sorgen macht mir die Quote von Melo, damit kommen wir nicht durch die Saison.

    Ich kann eure Haltung zu Bargnani verstehen, aber ich teile sie nicht. Und zwar aus folgendem Grund: Wenn er nicht in die Spur findet wirds verdammt schwer seine Minuten adequat zu verteilen. Vielleicht wenn STAT dann mal mehr als 10 min ran darf, oder wenn Tyler wieder fit & dabei ist. Ansonsten sind wir einfach darauf angewiesen das er wenigstens mittelprächtig spielt, und das weiss auch Woody, das weiss auch das Team. Man wird (erstmal) weiter auf ihn setzten, und ich denke er wird sich stabilisieren. Bargnani ist (genauso wie STAT) die grosse unbekannte, die eben den Unterschied ausmachen wird zwischen 7ter oder 8ter, oder eben 4ter oder 5ter. Produzieren beide halbwegs auf dem Niveau was man ihnen zutrauen kann, kann es eine gute Saison werden. Wird einer (oder beide) zum bust wird es schwer…
    Was natürlich noch dazu kommt, im Punkto wo schliessen wir nach der Saison ab, ist die D. Sah in den beiden ersten Spielen ähnlich aus wie letztes Jahr, teilweise gut, teilweise grauenhaft.

    Minnesota und back2back Charlotte…da sind min 2 W Pflicht.



  7. Rafi sagt:

    Lassen wir doch der Mannschaft zuerst ein paar Wochen Zeit, bevor wir sie ernsthaft in Einzelteile zerlegen und kritisieren. Im Fantasy Basketball wechslet man ja auch nicht seine ganze Mannschaft nach der ersten Spielwoche aus.

    Wenn ich hier mal schnell Jan zitieren darf:

    Man wird (erstmal) weiter auf ihn setzten, und ich denke er wird sich stabilisieren. Bargnani ist (genauso wie STAT) die grosse unbekannte, die eben den Unterschied ausmachen wird zwischen 7ter oder 8ter, oder eben 4ter oder 5ter. Produzieren beide halbwegs auf dem Niveau was man ihnen zutrauen kann, kann es eine gute Saison werden. Wird einer (oder beide) zum bust wird es schwer…

    Das Problem mit Bargnani ist das Geld. Für 11,5Mio/Jahr verpflichtet man doch keinen Spieler, der den Unterschied zwischen 4ter und 8ter macht (oder machen kann). Er ist der 49. teuerste Spieler in der NBA dieses Jahr, damit müsste er ja theoretisch einer der besten zwei Spieler des Teams sein, was er aber bei Weitem nicht ist. Für 7-8 Mio würde die Verpflichtung ja noch Sinn machen.

    Aber ebe, lassen wir der Mannschaft doch noch bis Anfangs Dezember Zeit, bevor wir sie total auseinander nehmen…

    Gruss,
    Raffi



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