Über den Mikrokosmos einer Karriereentscheidung

20140522

Seit der Erkenntnis über die Zukunft von Steve Kerr haben wir ein Plethora an Analysen und Gerüchten vernommen, die Fans und Medien in zwei Lager spalten. Das übermächtigere (oder lautere) sieht in Kerrs Entscheidung eine Hiobsbotschaft für die New York Knicks, bzw. Phil Jackson. Und während die Meinungen auseinandergehen, ob Kerr einfach die bessere Situation gewählt oder der alte Knicks-Mief aus den Tunneln des Madison Square Garden empor gekrochen ist und den Favoriten damit verschreckt hat, habe ich mir eher die Frage gestellt, warum mir bei der Bekanntgabe das Herz in die Hose rutschte. Die Antwort erreichte mich recht schnell. Weil das Prinzip Hoffnung im Sport stärker sein kann, als richtige Entscheidungen.

Drauf gekommen bin ich an jenem Morgen, als während des sechsten Spiels der Thunder gegen die Clippers die Grafik aufpoppte, dass Steve Kerr sich überraschend für die Golden State Warriors entschieden habe und gegen die New York Knicks. Wie bereits gesagt – mir rutschte das Herz in die Hose beim Gedanken, dass der Kandidat Nummer 1 für den Posten des Head Coach, der Schüler und Liebling des neuen Knicks Oberhaupts am Ende doch nicht im Big Apple anheuern wird. Zu sehr hatte ich mich mit Kerr schon angefreundet, begrüßte ihn in meinem Wohnzimmer mit „Hey Coach“, wann immer er mit Marv Albert ein Spiel kommentierte. Kurzum, ich war All-In. Warum?

1. Seine Vita

Steve Kerr bestritt eine sehr erfolgreiche Karriere. Er wurde sowohl unter Phil Jackson als auch unter Gregg Popovich NBA Champion. Nach seiner aktiven Karriere war er für einige Jahre der General Manager der Phoenix Suns bevor er schlussendlich zu TNT wechselte und seitdem sein umfangreiches Fachwissen unter Beweis stellt.

2. Sein Charakter

Steve Kerr ist zweifelsohne ein Mann, der sehr viel Ansehen und Respekt in der NBA-Welt genießt. Er ist sehr gut vernetzt, beweist immer wieder, dass er über den Tellerrand hinausblicken kann und in der Lage ist, andere zu begeistern, ja zu motivieren. Was wir am Bildschirm sahen macht in unserem Kopf auch auf dem Parkett Sinn.

3. Phil Jacksons Meinung

Der dritte und wichtigste Part dieser Saga. Steve Kerr war zwar kein unbeschriebenes Blatt in der NBA-Szene, zum Popstar wurde er jedoch erst seit Phil. Bis dahin wusste man von Kerr, dass er Interesse an einer Head Coaching Position habe. Erst Jacksons Worte ließen den Kurs des ehemaligen Spielers in die Höhe schnellen.

All diese Faktoren ergaben in der Summe ein perfektes Ensemble von Head Coach und Präsident. Denn seit der Heirat zwischen Phil Jackson und den Knicks war klar, dass das gemeinsame Kind Triangle Offense heißen würde. Und Steve Kerr war von allen potentiellen Kandidaten der Sichtbarste und am meisten Besprochene, dieses Kind heranzuziehen.

Die Karriereentscheidung

Wenn doch alles stimmte und Steve nicht nur der beste Kandidat war, sondern New York auch der beste Job, warum dann Golden State? War es der Schatten – oder schlimmer noch, der Einfluss – von James Dolan, der Kerr fern hielt? War Dolan derjenige, der die finanziellen Rahmenbedingungen so einschränkte (und Phils Plan damit sabotierte), dass Kerr gar nicht anders konnte, als sich für den besser dotierten Vertrag in Cali zu entscheiden? Ich bin nicht in der Lage, alle Gründe darzulegen. Natürlich spielt der Ruf eines Arbeitgebers bei der Jobwahl eine große Rolle. Vielleicht hat das niedrigere Angebot der Knicks Kerr gekränkt (ein Angebot das bei weitem über dem normalen Maß für einen Rookie-Head-Coach liegt). Die große Frage ist doch allerdings – hat Phil Jackson überhaupt die Chance, in New York etwas zu verändern? Dazu gleich mehr.

Rückblickend machen die Gründe für Steves Entscheidung persönlich unglaublich viel Sinn:

Der geografische (= familiäre) Faktor

Die Wenigsten werden es wissen – Steve Kerr verlor seinen Vater im Alter von 18 Jahren. Seine Familie und Nähe zu seinen Liebsten steht somit über Allem. Gebürtig aus San Diego kommend und seine Familie (Tochter studiert in Cal) ortsansässig sind die Warriors die einzig richtige Entscheidung für Kerr. Wer würde sich nicht dafür entscheiden? Neben Klima und anderen Annehmlichkeiten. Steve Kerr gilt als West Coast Guy.

Die Beziehungen 

Kerr pflegt freundschaftliche Beziehung zu Rick Welts und Bob Myers und kennt auch Inhaber Joe Lacob aus seinem privaten Umfeld. Berufliches Vertrauen spielt eine große Rolle sowie die Erkenntnis, dass man auf einer Wellenlänge agiert.

Der Kader

Stephen. Curry. Muss man mehr sagen? Der Kader der Golden State Warriors ist um Längen besser als das, was auf die Knicks wartet in diesem Sommer. Kerr und Curry werden eine besondere Beziehung pflegen, der Kader ist in der Lage, die Strategie des Coaches besser umzusetzen. Natürlich wird es im Westen wesentlich schwieriger sein, die Playoffs zu erreichen, die sportlichen Voraussetzungen sind allerdings weit besser als in New York.

Das Geld

Schlussendlich verdient Kerr in der Bay Area wesentlich mehr als in New York. Dieser Umstand ist in der Nachbetrachtung besonders interessant, da die Knicks zu keiner Zeit die Chance hatten, als Gewinner aus dieser Diskussion herauszukommen. Sehr Un-Knicksy warfen sie nicht Tonnen an Kohle in Richtung Kerr. Die Medien sehen dies als knauserig und kurzsichtig. Hätten sie Kerr weit mehr geboten, hätte man erneut überbezahlt. Die Medien behaupten aufgrund dessen, dass es Dolan und nicht Jackson war, die Verhandlungen im Griff hatte. Die Knicks selbst ließen kürzlich offiziell verlauten, dass Phil die Zügel in der Hand hielt. Was uns zu einem weiteren Umstand dieser Saga bringt.

Phil Jackson selbst

Die Analyse zeichnet folgendes Bild. Phil hatte lediglich einen Plan, einen Kandidaten und ist von Kerrs Entscheidung schockiert. Seine Macht im Garden sei bereits eingeschränkt was ihn als a) nicht so mächtig als vom der Organisation proklamiert und b) ohne Alternative skizziert.

Bei all diesen Gerüchten und Berichten stelle ich mir stets folgende Frage:

„Würde Phil diese Umstände zulassen? Vielmehr, glauben wir wirklich alle, dass Jackson sich einem viel diskutierten Dolanism unterwirft und still weiter macht?“

Ich glaube dies nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass Phil eher in einem großen Knall zurück nach Montana zurückgeht, bevor er ein Company Man wird. Gerade zum jetzigen Zeitpunkt würde eine Abkehr Jacksons James Dolan bis ins Mark schädigen. Phil würde damit klarstellen, dass Dolan seinen Teil des Deals nicht eingehalten hat, was den Inhaber auf ewig schädigen würde.

Zudem hat sich Jackson auch nicht öffentlich geäußert. Wie zuvor hat er seit der Entscheidung weder mit neuen Namen um sich geworfen, noch Kerr selbstständig in die Diskussion gebracht. Phil antwortete damals auf Fragen der Journalisten nach Kerr, nicht andersrum. Zu diesem Zeitpunkt geisterte dessen Name bereits durch die New Yorker Gazetten. Phils Äußerung und Wille, mit Steve zu sprechen ließ die Berichte in die Höhe schnellen. Wissen wir also mit Gewissheit, dass er der einzige Kandidat auf Phils Liste war? Ganz ehrlich, wir wissen gar nichts. Auch die Medien wissen es nicht, was ein Karussell an immer wiederkehrenden Namen lostrat. Rambis, Cleamons, Cartwright. Zuletzt Shaw, Luke Walton und als diese genannt waren war der nächste Schwung ein Stelldichein bekannter Coaches wie Jeff van Gundy und Mark Jackson. Einzig und allein mit dem Ziel, das New Yorker Fan-Herz zu attackieren und uns einzubläuen, dass hinter den Wänden des MSG wieder ein mal Misswirtschaft betrieben wird. Auch mit Phil an Bord.

Das attackiert nicht nur unser Herz sondern auch den Faktor, der Kerr in unseren Köpfen zum einzigen Kandidaten gemacht hat. Die Hoffnung. Kleine Rückschau auf 2010-Robert, der am Morgen nach der Draft-Nacht Gift und Galle speite ob der Auswahl von Landry Fields und Andy Rautins. Diese Spieler sollen ausschlaggebend dafür sein, dass LeBron nach New York kommt? An diesem Morgen erwischte mich das Prinzip Hoffnung ganz kalt. Warum auch immer – ich legte jene Hoffnung in die Draft-Wahl der Knicks. Die Hoffnung und den Glauben, dass die richtigen Rookies ein Puzzlestück auf der Straße Richtung King James seien. Und genau dieses Gefühl der Enttäuschung leer ausgegangen zu sein, traf mich wieder in der letzten Woche. Steve Kerr, der einzige Kandidat für den Posten. Was nun?

Mit genügend Objektivität ausgestattet ist es zwar schade, dass Kerr nicht nach New York kommt, allerdings auch kein Desaster. Auch wenn die Medien – in Ermangelung offizieller Kandidaten – das Armageddon herbei schreiben, so kommt es einzig und allein auf einen Mann an – Phil Jackson. Und wenn diese Wartezeit für eines steht, dann, dass Phil weder überhastete Entscheidungen trifft, noch Coaches wie Mike Dunleavy oder Mark Jackson in Betracht zieht. Denn anders als bei uns stand Steve Kerr nicht für die Hoffnung bei Phil Jackson, sondern für einen Kandidaten, der sein Anforderungsprofil erfüllt. Ein Head Coach, der philosophisch passt, allerdings in den kommenden fünf Jahren auch in der Lage ist, neue Wege zu gehen und seine Strategie zu etablieren. Jackson sucht nach seinem Erik Spoelstra. Vielleicht ist dies ja ein Derek Fisher. Vielleicht sogar jemand, den wir alle gar nicht kennen. Derek Fisher ist Kerr-Material. Seine Arbeit für die Spielergewerkschaft, seine Meisterschaften und sein Charakter (Kobe Bryant fragen) stellen ihn auf die gleiche Stufe wie Kerr. Fisher hegt zudem bessere Beziehungen zu den jüngeren Stars der Liga wie Westbrook and Durant. Der große Unterschied zwischen Fisher und Kerr ist die Arbeit bei TNT. Je länger die Suche nach einem Coach allerdings dauert, desto wahrscheinlicher ist ein Gespräch zwischen Phil und Fish, da dieser ja immer noch in den Playoffs mit den Thunder spielt.

Zu viele Leute haben in den letzten Tagen proklamiert, was Phil tun muss. Viele sind schnell dabei, Vorschläge zu machen, es besser zu wissen und dem neuen Mann an der Spitze der Knicks keinerlei Zeit oder Vertrauen einzuräumen, sein Team aufzubauen. Jeder von uns sollte Abstand davon nehmen – zumindest für einen Moment und für sich selbst entscheiden, was glaubwürdig erscheint. Ich für meinen Teil vertraue Phil Jackson weiterhin in seiner Suche nach einem Coach und darüber hinaus dem ausreichenden Rückgrat, die Liaison mit den Knicks zu beenden, sollte seine Macht in der Tat beschnitten sein. Doch so weit sind wir doch noch lange nicht, auch wenn die Medien es hinaus schreien.

Die Entscheidung von Steve Kerr unterstreicht, dass die Knicks noch einen weiten Weg vor sich haben, bis man zurück im Reich der Respektabilität angekommen ist – sowohl in den Medien als auch innerhalb der NBA. Der Ruf ist schwer beschädigt, was auch normal ist. Steve Kerr hat sich für Stabilität und Komfort entschieden und das muss man respektieren. Schlussendlich wird die Zeit zeigen, ob ein Mentalitätswechsel durchführbar ist im Madison Square Garden. Dies geschieht nicht innerhalb eines Frühlings sondern über etliche Jahre. Genau aus diesem Grund ist die Suche nach einem Coach auch so wichtig und bedarf einer gewissen Geduld.

Mai 22nd, 2014

56 Responses to “Über den Mikrokosmos einer Karriereentscheidung”

  1. durant35 sagt:

    Phil will wohl Gasol nach NY holen um Melo noch eine Entscheidungshilfe zu geben.
    Gasol kennt ja die Triangle schon und würde sicher gut ins neue Knicks-System passen.
    Wenn ich mich nicht täusche kann man ihm aber (bei einem Verbleib von Melo) nur die kleine nid level anbieten.
    Klingt für mich unrealistisch. Wisst ihr da irgendwas genaueres oder hat jemand eine Idee wie man das hinbekommt?



  2. Derek Harper sagt:

    Phil kann das!! 😉
    Nee, im Ernst, ich kann mir vorstellen, dass es Pau nach den letzten 2 Jahren wichtiger ist, bei jemandem zu sein, der weiß, wie man ihn einsetzen muss, als das große Geld zu kriegen, das er ja eh schon hat. Das heißt nicht, dass ich jetzt unbedingt erwarte, dass es passiert, aber es würde mich auch nicht sonderlich überraschen. Schließlich ist Pau ja auch kein A-Superstar mehr. Außerdem gäbe es evtl. noch die Möglichkeit eines S&T.



  3. durant35 sagt:

    S&T geht aber doch nur wenn Melo geht.
    Wenn Melo verlängert ist NY doch weit über der Apron von ca. 81-Mio. Dann wäre ein S&T für Gasol nicht mehr drin.
    Cool fände ich es. Denke für ca. 7-10 Mio wäre er zu haben. Aber für 4?????
    Fragt mal den Nachbar wie sie das mit Kirilenko hinbekommen haben :-).



  4. Derek Harper sagt:

    Mit den S&T-Regeln kenne ich mich ehrlich gesagt nicht aus, da hast du sicher Recht, aber AK-47 ist ein gutes Beispiel. Wenn es klappt: Cool! Wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter.



  5. Razah sagt:

    Mir gefallen die Moves die Phil gemacht hat. Man sieht eine klare Handschrift dahinter und ich bin gespannt wie es weitergeht. Jedenfalls habe ich den Eindruck eines Wandels bei den Knicks, hin zu einer nachhaltigen Franchise.



  6. thortsch-mann sagt:

    Interessant wird auch sein: Wer verlässt die Knicks? Bei den PG’s ´haben wir Prigioni, Murry und jetzt Larkin und auch noch Ellington. Calderon und Prigioni sind gesetzt. Ich hoffe, Murry bleibt. Von ihm halte ich sehr viel. Larkin würde ich aber auch gerne weiter hier sehen. Macht 4 PG’s. Eigentlich einer zuviel.

    Bei den SG’s wird wohl Shannon Brown gehen, obwohl er ja auch gut in die Triangle passen würde. Oder geht JR. Ich denke, eher nicht. THJ wird wohl hoffentlich auch bleiben…

    Was ist mit K-Mart? Wird er wieder fit? Was ist mit Cole und Jeremy Tyler?



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